Redebeitrag Red Star Supporters Club (RSSC)

Eigentlich sollte am heutigen 1.Mai der Fokus auf linker Politik oder linker Gesellschaftskritik liegen, auch emanzipatorische Kritik an eingeschliffenen Praxen wäre sinnvoll. Hier und heute muß aber über gesunden Menschenverstand und einen nicht zu hintergehenden Minimalkonsens geredet werden. Das erscheint uns dringlicher.
Zugegeben: Die Spieler und Anhänger des Vereins Roter Stern Leipzig können erstmal recht wenig für die Ereignisse rund um ihre Auswärtsspiele. Vielmehr provozieren sie allein durch ihre Anwesenheit im Raum östlich von Leipzig Reaktionen von Anwohnern und Zuschauern ihrer Spiele. Daraus läßt sich allerhand ablesen. Aber der Reihe nach.
Was ist eigentlich passiert?
Durch den Aufstieg in die Bezirksklasse im letzten Sommer spielen die Sterne nun nicht mehr gegen gegen Engelsdorf, Gohlis oder Stötteritz. Die neuen Gegner heißen , Mügeln, Machern, Süptitz oder Brandis. Das sind durchaus Orte, die schon wegen der einen oder anderen rassistisch motivierten Hetzjagd oder Überfällen auf alternative Jugendliche von einer recht aufgeregten Medienöffentlichkeit landesweit wahrgenommen wurden.
Wir wußten natürlich, was da auf uns zukommt. Und stellten uns darauf ein, nicht überall willkommen zu sein. Die Qualität des Hasses und die Formen der Ablehnung waren so allerdings nicht vorherzusehen. Schon bei den ersten Spielen jenseits der Leipziger Stadtgrenze sammelten sich immer wieder kleinere Nazimobs im Bereich der „Heimfans“, um uns in ihren Dörfern und Städten gebührend willkommen zu heißen.
Etwas verwirrend war dabei von Beginn an die fehlende Distanzierung des Bürgers von diesen Faschos. Statt diese ab- und auszugrenzen, traf man sich am Bier- oder Würstchenstand, unterhielt sich miteinander und prägte das von den Nazis in den letzten Jahren immer wieder heraufbeschworene Bild einer glücklichen „Volksgemeinschaft“.
Schon vor den allseits bekannten Ereignissen von Brandis bekamen unsere Spieler und Anhänger_innen nach dem Spiel manchmal Probleme, ohne körperlichen Schaden die Sportplätze zu verlassen. Mal postieren sich, wie Anfang Oktober in Zscheppelin, etwa 50 Nazis am Dorfplatz, um den Anhänger_innen die Heimfahrt zu erschweren. Mal wartet eine Horde Jugendlicher mit eindeutigen Klamotten am Kabinenausgang, um die Spieler des RSL nach Spielende aufs übelste zu beschimpfen.
Für mich liest sich die Saison im Rückblick ein bisschen wie in der Geschichte von „Hase und Igel“. Wo auch immer wir hinkamen, der Nazi war schon da. Widerstand? Oder wenigstens besorgte Bürger_innen der jeweiligen Vereine, die „ihre Dorfjugend“ in die Schranken verweist? Fehlanzeige. Stattdessen wurden Anhänger_innen des RSL von Bürger_innen beleidigt und als Provokateure gebranntmarkt.
Das Spiel in Brandis war natürlich eine Zäsur. Wenn 50 bewaffnete Nazischläger Jagd auf Fans des RSL machen, so passt das kaum in irgendein Raster. Die Reaktionen darauf jedoch schon.
So war bemerkenswert, dass in vielen Statements von Polizei, Bürger_innen und Politik unseren Anhängern eine Mitschuld am Überfall gegeben wurde. Die Polizei zum Beispiel erklärte noch am selben Tag, ihre Kräfte hätten versucht, die verfeindeten Lager zu trennen, doch dann hätten sich Rechte und Linke gegen die Polizei zusammengeschlossen und gemeinsam gekämpft. Das mag vielleicht in den Planspielen eines verwirrten Polizeichefs und den Träumen des Innenministers vorkommen, realiter wird das NIEMALS passieren. Aber solche Statements sind geeignet, um dem häufig gezeichneten Bild der problematischen und gewaltorientierten Antifaschisten, die selbst ein großer Teil des Problems sind, neue Nahrung zu geben.
Auch nach dem Spiel am letzten Wochenende läßt sich das wieder beobachten. Wenn Anhänger_innen und Spieler sich gegen Hitlergrüße wehren, sind sie ein Problem. Wenn Spieler sich weigern, unter antisemitischen, homophoben und rassistischen Gesängen Fußball zu spielen, sind sie feige. Wenn der Schiedsrichter eben wegen dieser Gesänge das Spiel abbricht, ist er ein Zeckenfreund.
Das Fazit ist bitter: Antifaschismus gehört in Sachsen längst nicht mehr zur Normalität. Diese Haltung wird von weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr geteilt, sondern als Problem empfunden.
Vor Jahren gab es mal den Begriff des „Neofaschisten“. Damit wurden meist dumpfe Birnen bezeichnet, die in Springerstiefeln und Bomberjacken Flüchtlingsheime anzündeten. Der Begriff ist etwas aus der Mode gekommen. Vielleicht sollten wir ihn wieder benutzen lernen. Als Bezeichnung für den Einwohner eines Landstriches, der hinter den Mauern dieser Stadt beginnt.

Redebeitrag Netzwerk-Naunhof

Der folgende Redebeitrag behandelt Nazistrukturen im ehemaligen Muldentalkreis.
Angefertigt wurde er vom Netzwerk Naunhof, welches sich als emanzipatorisches Bündnis zur Bekämpfung braunem Gedankengutes gegründet hat. Seit knapp sechs Monaten versuchen wir, antifaschistische Arbeit zu leisten, Alternativen für Jugendliche zu bieten und die Naziproblematik, die natürlich auch im ehemaligen Muldentalkreis flächendeckend in Dorf und Kleinstadt wahrzunehmen ist, zu thematisieren.
Von rechten Parolen an Hauswänden und Naziaufklebern an jeder Laterne über Spontandemonstrationen und Trauermärschen bis hin zu Hausbesuchen und gewalttätigen Übergriffen, die Präsenz und die hohe Gewaltbereitschaft kennt mittlerweile kaum noch Grenzen. Nahezu jede Woche wird über solche und ähnliche Ereignisse berichtet.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass sogenannte Freie Kräfte und Autonome Nationalisten sich untereinander als auch mit NPD- Verantwortlichen fortschreitend vernetzen. Dies wird unter anderem durch den Aufbau der neuen JN-Stützpunkte in Delitzsch, Eilenburg, Torgau und Wurzen spürbar.
Oftmals verhilft eine entpolitisiert-bürgerliche Gesellschaft den rechten Kräften dabei, sich weiter im kleinstädtischem Alltag zu verwurzeln und zu vernetzen, in dem sie diese ignoriert. Ebenso trägt sie rassistische, sexistische, homophobe, antisemitische und nationalistische Einstellungen mit, wenn auch keinesfalls so offen oder bewusst. Lieber wird der auf Menschen einprügelnde und gegen Nicht-Rechte hetzende Fascho als der „nette Junge von nebenan“ wahrgenommen.
In unserem Redebeitrag soll an den Beispielen Wurzen und Colditz gezeigt werden, welche Strukturen sich in den letzten Jahren im ehemaligen Muldentalkreis bildeten und wie auch die jeweiligen Städte darauf reagierten. Am Ende des Redebeitrags wollen wir ebenso darauf hinweisen, dass es durchaus Alternativen in der braunen sächsischen Provinz geben kann.
Nazistrukturen in und um Wurzen:
Blicken wir auf das Jahr 2009 zurück, wird immer deutlicher, dass eine zunehmende Bildung von Gruppen und klaren Vernetzungen stattfindet. So ziehen seit letztem Jahr die Mitglieder der “Terror Crew Muldental“ die Aufmerksamkeit auf sich. Der Kern dieser ist in Bennewitz ansässig und bereits seit vielen Jahren in der rechten Szene verankert. 2008 waren sie beispielsweise an den Angriffen von 70 Nazis auf den Antirassistischen Sonntagsspaziergang in Wurzen beteiligt. Im Oktober 2009 dann der “große Durchbruch“: sie gewannen den „1. Nationalen Fußballwettstreit“ in Wurzen. Unter dem Motto „Das System ins Abseits“ stellen präsentierten sie ihre eigens angefertigten T-Shirts mit der Aufschrift “Terror Crew Muldental“ – natürlich in braun! Die äußert anspruchsvolle Kollektion wurde um rote Pullover erweitert. Danke dafür, denn dies erleichterte ihre Identifikation nach dem Übergriff auf den Roten Stern in Brandis enorm. In ihren Reihen Chris Rox, Sänger der Rechtsrock-Band „Storm of Mind“ und kläglich gescheiterter NPD-Kandidat für die Gemeinderatswahl in Bennewitz.
Ebenso seit vielen Jahren in Wurzen tätig ist Txxxxx Pxxxxxxx [aus juristischen Gründen derzeit anonymisiert]. Seit dem Frühjahr 2004 Inhaber des rechtsradikalen Versandhandels Front Records in der Walter-Rathenau-Straße 18. Über die Homepage werden Tonträger von Nazibands sowie Kleidung mit einschlägigen Aufdrucken verkauft. Verfahren wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Volksverhetzung, Gewaltverherrlichung und der Verbreitung jugendgefährdender Medien wurden eingestellt oder endeten mit extrem geringen Geldstrafen. Front Records im kleinen Wurzen gilt als einer der größten Versandhandel dieser Art in Deutschland. Pxxxxxxx Freund Dxxx Sxxxxxxxx [aus juristischen Gründen derzeit anonymisiert] kaufte im Frühjahr 2009 einen ehemaligen Baumarkt in Wurzen und baute diesen als Trainingshalle für mutmaßliche rechte Hooligans und Freefighter um. Sport wird hier schon immer groß geschrieben. So zog auch der Torwart des ATSV Wurzen, Matthias Möbius, für die NPD in den Wurzener Stadtrat ein.
Ein weiterer nennenswerter Mathias ist der Herr König. Leiter des JN-Stützpunktes Wurzen. Ziele sind die „Organisation der nationalen Jugend“ und eine „weltanschaulich einheitlich ausgerichtete Gemeinschaft“. Fleißig hält er Reden, so zum Beispiel an dem Volkstrauertag im November 2009. Hier fand in Wurzen, mit 170 TeilnehmerInnen, die an diesem Tag größte Nazidemo Sachsens statt. Ebenso auf der Trauerveranstaltung der Stadt, fanden sich Nazis und NPDStadträte ein und legten ihre Kränze nieder. Wieder einmal zeigte sich Wurzen hilflos und unkonsequent. Einen Monat später, auf dem Weihnachtsmarkt in Wurzen, trat Mathias König, verkleidet als Knecht Ruprecht, auf und verteilte Mandarinen an die Kinder und Flugblätter an die überaus aufgeschlossenen Eltern. Braunes Gedankengut ist hier nicht nur in den Köpfen der “offensichtlichen Nazis“, nein, sie zähren wie vieler Orts auch aus tief verankerten rassistischen Einstellung der breiten Bevölkerung. Wie kommt es sonst, dass hier bereits GrundschülerInnen Sätze wie „Das war jetzt aber nicht die deutsche Art“ fallen lassen?
Nun komme ich zur Nazistruktur in Colditz:
Das Kleinstädtchen im Südosten des Muldentalkreises hat sich unlängst zur No- Go-Area für Migrant_innen und nichtrechte Menschen entwickelt. Rechts- und erlebnisorientierte Jugendliche beherrschen das Stadtgeschehen, sei es in dem lokalen Jugendclub, dem Gasthof Zollwitz, der Mittelschule, dem Sportverein oder den Dorffesten. Dabei besteht das rechte Spektrum nicht nur aus den typischen, arbeitslosen Dorfnazis, sondern auch aus aktiven Freefightern. Die Colditzer Freefight-Szene, unter dem Namen Shamrock Fighters bekannt, war unter anderem auch an dem Angriff auf den Antirassistischen Sonntagsspaziergang in Wurzen 2008 beteiligt. Darunter auch Ricky Hartung, der zuvor bei den Fighting Fellas Wurzen aktiv war. Ebenso pflegen die Nasen Kontakte zu benachbarten Regionen: zur Division Döbeln, dem verbotenen Sturm 34 aus Mittweida, den mittlerweile aufgelösten Nationalen Sozialisten Leisnig oder der Kameradschaft Thümmlitzwalde. Formen der Einschüchterungen und Gewalt reichen von „Outing“-Flugblättern, Telefonterror, Morddrohungen bis zu Körperverletzung oder Anschlägen auf Einrichtungen/Personen.
Für einen Höhepunkte rechter Gewalt steht der 23. Februar 2008. An diesem Tag überfielen etwa 100 Neonazis, darunter auch solche der verbotenen Gruppierungen Skinheads Sächsische Schweiz und des Sturm 34, ein Elektrogeschäft, eine Turnhalle sowie einen Dönerimbiss. Die Angreifer warfen mehrere Brandsätze, eine Nebelgranate und zerstörten den Laden eines Elektrohändlers, welcher alternativen Jugendlichen die Nutzung einer Turnhalle für Punkkonzerte erlaubte. Bürgermeister Manfred Heinz sagte nach dem Vorfall der LVZ: „Wogegen ich mich aber verwahre, ist die Behauptung, Colditz sei eine rechte Hochburg.“ Heinz bezeichnet Colditz vielmehr als weltoffene Stadt. Hier behauptet er aber lieber, die Veranstalter_innen alternativer Konzerte seien selbst für Gewalteskalationen verantwortlich und provozieren diese geradezu. Seine Reaktion: Vorerst keine alternativen Konzerte mehr in der Stadt!
Wie unerwünscht antifaschistisches Engagement ist, zeigen die Ereignisse im Vorfeld und am Tag des 22. August 2009. Ein antirassistisches Fußballturnier mit regionalen und überregionalen Freizeitteams wurde auf dem Colditzer Sportplatz geplant. Der Bürgermeister und die Polizei untersagten jedoch praktisch das Fußballturnier. Anschläge von Nazis würden befürchtet und das Turnier sei zu spät angemeldet worden, so die Begründung, und das obwohl mündliche Absprachen bereits im Frühjahr getroffen wurden und der Sportplatzverantwortliche der Nutzung bereits zugesagt hatte. Ein Grund mehr, warum sich mensch gerade in Colditz nicht auf die Unterstützung der Stadt verlassen sollte. Ebenso trat der Bürgermeister auf, als die Vereinräume des Freiräume Muldental e.V. demoliert wurden. Der Verein erhielt keinerlei Unterstützung, Bürgermeister Heinz sah dazu keinen Bedarf. Statt des Fußballturniers wurde am 22. August 2009 eine Kundgebung der Initiative „Meine Stimme gegen Nazis“ auf dem Colditzer Markt abgehalten. Diese wurde jedoch erheblich durch Nazis gestört. Ungefähr genauso viele Gegendemonstrant_innen wie Sympathisant_innen waren zugegen, was wieder mal zeigt, wie hoch das Interesse an antifaschistischem Engagement innerhalb der Zivilgesellschaft von Colditz einzustufen ist. Nämlich gleich null.
Dass es durchaus auch im Muldentalkreis anders aussehen kann, zeigen unter anderem Vereine wie der Förderverein für Jugendkultur und Zwischenmenschlichkeit aus Grimma. Der FJZ organisiert unter anderem das 24-Stunden-Basketballturnier und Festivals wie das Crossover oder das Blowback, welche klar gegen Nazis Stellung beziehen. Nicht zu verachten sind auch Einzelaktionen von dem Bürgermeister aus Grimma, Mathias Berger, der sich an der Menschenkette unter dem Motto :“Unser Muldental ist bunt“ beteiligte, oder auch dem Bürgermeister Naunhofs, Herrmann, der auch einmal an einer Filmvorführung des Netzwerk Naunhofs teilnahm.
Und zum Abschluss schon einmal zum vormerken: Das Netzwerk Naunhof plant im August in der Oase 26 in Naunhof einen Aktionstag, bei dem Vorträge und Workshops angeboten werden, lokale und überregionale Bands verschiedener Musikrichtungen spielen sollen und schlichtweg eine Alternative zu dem frustrierendem Alltag im Muldentalkreis geboten werden soll.
Was uns nun jetzt noch zu sagen bleibt:
Provinzialen Nazistrukturen entschlossen entgegentreten!
Kein Dorfbreit den Faschisten!
Alerta Antifascista!

Redebeitrag AuA – Anna und Arthur [im Hinterland]

Kühe, Schweine, Hinterland – oder wie ich die Provinz fürchten lernte!

Das das Leipziger Umland dunkelbraun ist, wissen wir mittlerweile doch alle. Mensch braucht sich ja nur mal auf Indymedia, ChronikLe oder tatortbrandis.blogsport.eu informieren und mit der Guten Laune ist es vorbei. Wie konkret die Bedrohungen und Angriffe sich auf einen Menschen auswirken können, möchten wir hier nochmal am Beispiel eines Delitzscher Antifas dokumentieren.

Ende Mai letzten Jahres bewegte sich der Betroffene abends mit Freunden durch die Delitzscher Innenstadt. Aus einem Park stürmten plötzlich vermummte Nazis, vermutlich aus dem Umfeld der „Freien Kräfte Delitzsch“, und überflielen die Gruppe. Sie griffen sich drei Menschen aus der Gruppe und schlugen und traten sie zu Boden. Dabei schnappten sich etwa 10 der Angreifer den für sie bekannten Aktivisten und schlugen und traten fast ausschließlich auf seinen Kopf ein. Nur durch Glück blieben schwerere Verletzungen aus. Zeitgleich nahmen sich einige der Nazis seine Hand vor, drückten diese auf die Straße und versuchten durch gezielte Tritte die Gelenke seiner Finger zu zertrümmern. Ein Angriff der bis heute sichtbare Spuren hinterlassen hat. Zum Abschluss wurde dem Betroffenen eine ganze Dose Pfefferspray in das Gesicht gesprüht. Danach zogen sich die Nazis unerkannt zurück. Nachdem der Vorfall zur Anzeige gebracht worden war, erhielt die Person zudem Drohmails von Delitzscher Nazis.

Als am 17.August die Nazis bundesweit zu sogenannten Hessmobs aufriefen, um ihrem Märtyrer Rudolf-Hess zu huldigen, tauchte auch Delitzsch auf der Liste der Veranstaltungsorte auf. Der Delitzscher Antifa Arthur wollte sich diese Aktion anschauen und traf mit weiteren Menschen am angekündigten Platz ein. Lediglich ein paar Einsatzwagen der Polizei standen bereit. Nach einer halben Stunde ohne Vorkommnisse zog sich die Polizei zurück. Kurz darauf sammelte sich eine größere Gruppe von Nazis, um Arthur und einige weitere Jugendliche, die noch gewartet hatten anzugreifen.

Maik Scheffler und circa 25 weiter Nazis kamen zeitgleich am angekündigten Ort an und gingen anschließend klatschend auf die vermeintlichen AntifaschistInnen zu. Da eine körperliche Auseinandersetzung seitens der GegendemonstratInnen nicht gewollt war, flüchteten sie in verschiedene Richtungen. Die Nazis verfolgten die kleine Gruppe um Arthur. Gezielt sollten sie in den Delitzscher Stadtpark getrieben werden, jedoch gelang es ihnen die Richtung zu ändern und zur Polizei-Wache zu flüchten. Dort flehten die Angegriffenen um Schutz und Zuflucht. Beides wurde den Angegriffenen nicht gewährt. Nachdem der Polizist die von zwei Seiten heran nahenden Nazis erblickte, verschloss er mit den Worten: “Na dann viel Spaß noch mit denen“ die Tür und überließ die 7-köpfige Gruppe ihrem Schicksal. Diesen blieb nichts anderes übrig, als über ein Tor in den Hof der Delitzscher Wache zu klettern und sich in einem Seiten Gebäude zu verschanzen. Von dem Gebäude, der Kriminalaußenstelle, die zu dem Zeitpunkt unbesetzt war, riefen die Jugendlichen immer wieder den Notruf und die gegenüberliegende Wache an. Die Nazis, mittlerweile ebenfalls auf dem Hof der Wache eingetroffen, versuchten in das Gebäude einzudringen. Die Reaktionen auf die Notrufe waren Abwimmeln und Strafandrohung wegen Missbrauch des Notrufes. Nach etwa 20 Minuten, die Nazis waren immer noch da, erschienen gerade einmal 5 Beamte der Polizei auf dem Hof, unter anderem auch der, der schon zu Beginn der Aktion die Hilfe verweigerte. Auch jetzt ging die Polizei nicht gegen die angreifenden Nazis vor, sondern widmete sich den AntifaschistInnen. Sie nahm die Personalien der Betroffenen auf und drohte mit einer Anzeige wegen Haus- und Landesfriedensbruch.

Gegen die Beamten wurde mittlerweile Anzeige erstattet und es läuft derzeit noch das Verfahren. Von der Anzeige gegen die Jugendlichen wurde abgesehen.

Am nächsten Tag, dem 18. August, erhielt Arthur einen Anruf von einem Herrn mittleren Alters. Der Anrufer drohte Arthur, sowie seiner Familie, unter anderem mit einem Hausbesuch. Sollte Arthur seinem antifaschistischen Treiben nicht Einhalt gebieten, könne man ihn ja zu Hause abholen und verschwinden lassen, so die Worte des Anrufers. Außerdem hatte der anonyme Anrufer Informationen über verschiedenste private Dinge Arthurs. Er informierte ihn darüber, dass er und seine Kameraden nicht nur seine Wohnanschrift kennen, auch die Anschrift seiner Freundin und seiner Arbeitsstelle war ihnen nicht unbekannt, weiter hatte er Kenntnis über allerlei Passwörter von Internetaccounts und kannte Arbeitswege und Freizeitgewohnheiten Arthurs. Da kann mensch nur staunen woher und wie Nazis ihre Informationen beziehen.

In der darauf folgenden Nacht war es dann soweit. Gegen 3Uhr klingelten zirka 8 vermummte Personen Sturm an der elterlichen Wohnung und versuchten in den Hauseingang zu gelangen. Die Familie des Betroffenen verschanzte sich in Todesangst in der Wohnung. Nachdem es den Nazis nicht gelang die Haustür ein zu treten, zogen sie unter der Parole: „Dich kriegen wir noch du Hurensohn“ ab und verklebten im Wohngebiet Nazi-Aufkleber.

Am 17.Oktober, im Anschluss an die Nazidemo in Leipzig, wurde Arthur wieder von Nazis angegriffen. Obwohl er unauffällig gekleidet war, wurde er trotzdem von Delitzscher Nazis, allen voran Marcus Pucher und Ronny Werner, im Zug nach Delitzsch entdeckt und festgesetzt. In kürzester Zeit wurden alle Nazis in dem Abteil zusammen getrommelt und Arthur fand sich allein mit frustrierten Nazis wieder. Unter den Anwesenden befanden sich auch Maik Scheffler, Andre Luther und Lars Schönrock. Zuerst sollte Arthur vermeintliche Antifas auf Handy-Fotos der Nazis identifizieren, als er dies jedoch nicht tat, wurde ihm klar gemacht, dass der Delitzscher Bahnhof das Letzte sein würde was er in seinem Leben noch sieht. In Delitzsch angekommen, zwang der Nazimob Arthur aus dem Zug und schleifte ihn zielgerichtet ins Laternenlicht. Dort, den Nationalen Sozialisten schutzlos ausgeliefert, wurde er gezwungen mit allen Nazis für Fotos zu posieren. Wie eine Jagdtrophäe wurde er von Gruppe zu Gruppe für Fotos weiter gereicht. Gruppenbilder, Porträtaufnahmen, Fotos mit Naziutensilien, alle erdenklichen Erniedrigungen musste Arthur über sich ergehen lassen. Immer wieder unterbrochen von Gewalt- und Morddrohungen. Als die Nazis ihre Fotos geschossen hatten, wurde Arthur plötzlich zu seinem Fahrrad gebracht und ihm gesagt das er jetzt ganz schnell Heim fahren solle. Erleichtert über das vermeintliche Ende der Quälerei, wollte er auch so schnell wie möglich weg von dem Mob. Gerade als er losfahren wollte wurde er wieder vom Fahrrad gezogen, da ein Kamerad monierte, dass sein Foto unscharf sei. Sofort machten sich weitere Nazis bemerkbar, dass ihre Fotos auch nicht die gewünschte Qualität haben und so begann das Spiel von Vorn. Arthur musste noch mehr Fotos über sich ergehen lassen. Erst danach ließen sie von ihm ab und er konnte flüchten.

Auch zu diesem Vorfall wurde Anzeige erstattet.

Nur vier Tage später erschien auf der Homepage Delitzscher Nazis ein Text, in dem Arthur der Öffentlichkeit preis gegeben wurde. Es wurde die Adresse, sowie das familiäre Umfeld, veröffentlicht. Auch wird Arthurs Freundin Anna von den Nazis geoutet. Auch bei ihr wurden alle gesammelten Daten bis hin zu Arbeitsstelle und Hobbys öffentlich gemacht.

Nachdem ein Artikel über die Vorfälle in Delitzsch bei Indymedia veröffentlicht wurde, reagierten die Nazis promt und veröffentlichten auf ihrer Homepage einen weiteren Hetzartikel gegen Arthur.

All diese Aktionen verfolgen nur ein Ziel, Anna und Arthur physisch und psychisch zu vernichten, da sie nicht in das Weltbild des Nationalen Sozialismus passen. Sie stehen der Nazihegemonie in der sächsischen Provinz im Weg und bleiben solange wie es geht standhaft.

Auch wenn wir hier die reale Geschichte einer beziehungsweise zweier Personen in Delitzsch berichten, so gibt es Menschen wie sie in vielen kleinen Städten und Gemeinden rund um Leipzig. Sie bedürfen alle unserer Solidarität. Wir dürfen die Provinz nicht länger den Nazis überlassen.

Mügeln, Delitzsch wir haben es so satt – macht die Provinz samt Nazis platt.

Der Provinz einheizen!
Her mit dem schönen Leben!

Leben und arbeiten – aber wie? Diese Frage müssen sich engagierte Menschen und AntifaschistInnen immer wieder stellen. Mit zunehmender Verankerung der NPD in der lokalen Politik sowie in den Gemeinden und Städten, bei den Kommunalwahlen errang sie in und um Leipzig 17 Stadt- und Gemeinderatsitze, steigt auch das Potenzial der sogenannten „Freien Kräfte“. Nahezu in jeder Stadt im Leipziger Umland kam und kommt es zu gewalttätigen Übergriffen gegen Menschen, die nicht in das Weltbild der Neo-Nazis passen. Mit Plakaten, Graffiti, und massenhaft Aufklebern wird versucht eine „national befreite Zone“ zu markieren. Ebenso marschieren immer wieder Neo-Nazis auf teilweise „spontanen“ Aufmärschen durch die Provinz.

Auch die Jahresstatistik 2009 der Opferberatung RAA spricht Bände. So wurden über 250 Angriffe gezählt, die annähernd 450 Personen betrafen. Vor allem das Leipziger Umland mit Schwerpunkt Nordsachsen ist von gewalttätigen Übergriffen betroffen. Hier geschahen mit 17,5% mit Abstand die häufigsten Angriffe. Die Opferberatung berichtet zudem von steigender Brutalität bei den zielgerichteten Attacken auf die zumeist nicht-rechten Jugendlichen.

Dass NPD und die „Freien Kräfte“ Hand in Hand arbeiten und durchaus große personelle Überschneidungen haben, zeigt sich besonders in Nordsachsen und dem ehemaligen Muldentalkreis deutlich. Obwohl dieses Gebiet seit Jahren durch sogenannte „Freie Kräfte“ dominiert ist, haben sich kürzlich vier JN-Stützpunkte gegründet. Ein Umstand, der auch auf Maik Scheffler zurückzuführen ist.

„Der heute bundesweit aktive Maik Scheffler war in Delitzsch bereits in den 90er Jahren als Kameradschaftschef aktiv. Nach einigen Jahren Pause ist er auch heute wieder derjenige, der bei den Neonazis in der Region nördlich von Leipzig das Sagen hat. Scheffler war federführend am Portal »Nationaler Beobachter« beteiligt, das vor allem Kameradschaften in Sachsen und Sachsen-Anhalt repräsentierte. Und er ist auch einer der Chefs des »Freien Netzes«, einer Kette von Websites »freier« Nationalisten von Burg und Merseburg in Sachsen-Anhalt über Altenburg in Thüringen sowie Delitzsch, Leipzig, Borna, Chemnitz, Zwickau und Vogtland in Sachsen bis nach Hof in Nordbayern.“ Quelle: AIB

Mittlerweile ist Scheffler auch in der NPD engagiert und baut hier fleißig weitere Strukturen auf. Dass ihm da seine guten Kontakte zu den „Freien Kräften“ äußerst dienlich sind, hat sich schon bei der Gründung der Stützpunkte in Wurzen, Torgau, Oschatz und Delitzsch-Eilenburg gezeigt. Kaum verwunderlich scheint es daher, dass jetzt daran gearbeitet wird, ähnliche Stützpunkte auch im Südraum, vor allem in Borna und Geithain, zu etablieren. Auch hier sitzen mit Manuel Tripp und Tony Keil zwei „Freie Kameraden“ für die NPD in Kommunalparlamenten.

Im Zuge der Vorbereitung ihrer alljährlichen Trauerdemo in Dresden haben Neo-Nazis aus Partei und Kameradschaften eine neue Schutztruppe gegründet, die vor allem Demos und Veranstaltungen zusammenhalten und schützen soll. Wie schlagkräftig diese neue Schutztruppe agieren soll und kann, zeigte für uns der Überfall auf die Spieler und Fans des Roten Stern Leipzig in Brandis. Dieser kam zwar nicht unerwartet, waren doch auch in der Vergangenheit öfter Neo-Nazis bei den Auswärtsspielen des RSL zugegen und versuchten, Fans und Spieler zu provozieren und anzugreifen, überraschte aber die breite Öffentlichkeit aufgrund der Gewalttätigkeit mit der die Neo-Nazis angriffen. Doch selbst diese Gewalttätigkeit sollte nicht überraschen – Free-Fighter, Neo-Nazis und Lok-Hools bilden vor allem rund um Wurzen und Colditz organisierte Kameradschaften. Und genau auf diese Mischung aus nationaler Gesinnung und Schlagkraft haben es Scheffler und Konsorten abgesehen.

Rechte Hegemonie-Bestrebungen und Neonaziterror machen antifaschistische, emanzipatorische Arbeit nicht nur schwer, sondern vor allem auch gefährlich. Für die Betroffenen ist die Situation unerträglich, da sie eben nicht aus der relativen Anonymität der Großstadt heraus agieren können. Das macht sie schnell zu Zielscheiben für die Auslebung nazistischer Gewaltfantasien und menschenverachtende Übergriffe.

Doch als ob die Situation nicht so schon beschissen genug ist, glänzt die sogenannte „Mitte“ durch Wegschauen, Revidieren, Relativieren und Leugnen. Kurz gesagt, sie schwingt die Extremismuskeule. Antifaschistisches Engagement, das Maul aufreißen gegen nazistische Umtriebe, alternative Kulturangebote und linksradikale Politik werden per se zu „Linksextremismus“ umgedeutet und zusammen mit „Rechtsextremismus“ in einen großen Topf geworfen und fleißig verrührt. Kurzerhand werden Opfer von Nazigewalt, gemäß deutscher Traditionen, auf die gleiche Stufe gestellt wie die TäterInnen selbst. Ziel dessen ist die Bestimmung einer vermeintlichen „Mitte der Gesellschaft“, die zum Einen frei von jeglicher Nähe zu RassistInnen, AntisemitInnen etc. ist, und zum Anderen gerade aus dieser vermeintlichen Abgrenzung eine moralische Definitionsmacht für sich beansprucht, mit der sie den angeblichen „linken ExtremistInnen“ die Legitimation entzieht, indem sie den Rahmen für den Kampf gegen Rechts definiert. Wem der Rahmen zu eng ist bzw. darüber hinaus agiert ist sofort „ein/e ExtremistIn“ und somit nicht legitimiert für gesellschaftliche Veränderung einzustehen.

Das emanzipatorische, antifaschistische Arbeit mit VertreterInnen dieser „Mitte“ nahezu unmöglich bzw. zum Scheitern verurteilt ist, macht die Sache nicht einfacher. Mit der neuen Familienministerin Schröder, einer besonders vehementen Verfechterin der Extremismustheorie, kann sich die Situation noch verschärfen. So plädiert die CDU-Ministerin dafür, alle Vereine und Initiativen, die sich der Förderung von zivilgesellschaftlichem Engagement und (Basis-) Demokratie, und damit auch gegen Nazis und ihre Auswüchse, verschrieben haben, auf mögliche Kontakte zu linken ExtremistInnen zu überprüfen und ggf. die Mittel zu kürzen oder gleich ganz zu streichen. Das damit nur den Nazis in die Hände gespielt wird stört die konservative Politikerin nicht, ist doch mittlerweile bekannt, wessen Geistes Kind die Familienministerin ist. Ihre Nähe zu neu-rechten Kreisen wie dem Umfeld der Zeitschrift „Junge Freiheit“ ist mehrfach belegt. (Vgl. Ein Garten voller Böcke)

Doch trotz all dieser dunkelbraunen Aussichten dürfen wir den Kopf nicht in den Sand stecken und die Provinz den Neo-Nazis überlassen, versuchen diese doch gerade über das Hinterland die Städte zu „erobern“. NazipolitikerInnen geben sich ein betont unauffälliges Image und sind trotzdem als NationalistInnen präsent. Bei unkritischen Menschen stellt sich daraufhin schon bald ein Normalisierungsprozess ein, d.h. die Neo-Nazis werden nicht mehr als Neo-Nazis wahrgenommen. Das Gleiche geschieht mit ihren Parolen und Phrasen. Diese Normalisierung von neonazistischen Gedankengut bescherte der NPD trotz großer Verluste eine zweite Legislaturperiode im sächsischen Landtag und damit auch wichtige Infrastruktur und Finanzquellen, die kontinuierliche (Kinder- und Jugend-) Arbeit im Hinterland ermöglichen.

Unsere Mittel sind beschränkt, können jedoch durch Vernetzung und Solidarität optimaler eingesetzt werden. Um diese Vernetzung voran zu treiben, sowie Menschen zu mobilisieren die sich ganz praktisch mit uns und euch solidarisieren, wollen wir am 1.Mai eine Demonstration durchführen und damit auch die AntifaschistInnen und AntirassistInnen in den Städten auf die Provinz aufmerksam machen. Das ganze wird unter dem Motto: „Der Provinz einheizen – Her mit dem schönen Leben!“ laufen. Wir hoffen das du/ihr/euch an einem Bündnis für die Demo (aber auch darüber hinaus) beteiligt und uns unterstützt.

antifaschistische Demonstration
1.Mai – 14Uhr – Connewitzer Kreuz

Aua – Anna und Arthur [im Hinterland]
RSSC – Red Star Supporters Club

Mobivideo

Veranstaltungen:

18.04.2010 Heimspiel Roter Stern Leipzig vs. Brandis 15Uhr Sportpark Dölitz

20.04.2010 „Erster Mai in Leipzig und anderswo“ – Info-Veranstaltung, 19Uhr, LIWI

21.04.2010 Zwenkau, „Schwarz auf Weiß“ – Eine Reise durch Deutschland – Günter Wallraff unterwegs, 19Uhr, Kulturkino Zwenkau
Kulturkino

22.04.2010 Zwenkau, „Fußball und Diskriminierung“, Vortrags- und Filmabend, 19Uhr, Kulturkino Zwenkau
Kulturkino

22.04.2010 „Empire St.Pauli – von Perlenketten und Platzverweisen“, Film und Diskussion, 20.30Uhr, Fischladen

22.04.2010 Bad Lausick, Info-/Mobiveranstaltung, 19Uhr, den genauen Ort erfahrt ihr von den Leuten in B.L.

24.04.2010 Mügeln, Auswärtsspiel Roter Stern Leipzig, anschl. Mobiveranstaltung – Bus-Tickets gibts im Fischladen

25.04.2010 Naunhof, Info-/Mobiveranstaltung, Oase

26.04.2010 – Fischladen, 19Uhr, Mobilisierungsveranstaltung

weitere Veranstaltungen folgen…

Bündnis-Demo „Und leben?!“ 1.Mai – 16Uhr – Wilhelm-Leuschner-Platz
lebenaberwie.blogsport.eu




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: