Wo wart ihr in …?

Antifaschistische Aktionen in der Provinz werden nicht selten von Desinteresse aus den Städten begleitet. Dazu ein Beitrag von Inventati.org. Dazu möchten wir nochmals auf unseren Text „Sind wir nicht alle ein bisschen Dorf?!“ verweisen.

Sind wir nicht alle ein biss­chen Dorf !?

Warum uns die Pro­vinz alle etwas an­geht!

Wenn dir nicht ge­ra­de die letz­te Ver­an­stal­tung über die Uto­pie der Kom­mu­nis­mus im Kopf her­um­schwir­ren kann, da dir der nächs­te Flucht­weg viel mehr Druck macht, dann bist du als al­ter­na­ti­ver, an­ders den­ken­de und nicht ins men­schen­ver­ach­ten­de Welt­bild der Nazis pas­sen­der Mensch in der Pro­vinz an­ge­kom­men.

Herz­lich Will­kom­men!

Du gehst auf die Stra­ße und kennst fast jeden Men­schen, du hältst einen Plausch mit dem net­ten Nach­barn der ge­ra­de die kom­plet­te Win­ter­kol­lek­ti­on von Thor Stei­nar an hat, dann wirst du freund­lich be­grüßt und ge­fragt wie es dir geht, von der Freun­din einer Kol­le­gin dei­ner Mutti, die so eben mit ihrem „To­des­stra­fe-​für-​Kin­der­schän­der-​Au­to“ an dir vor­über fährt. Im Bä­cker packt dir die Frau Schmidt schon die Tüte bevor du den mit Schland­fah­nen ge­schmück­ten Laden be­trittst…

Warum ziehst du dort nicht weg?

Klar könn­ten wir jetzt allen an­ra­ten dies zu ma­chen, aber wür­den wir un­se­re Vor­stel­lung einer bes­se­ren, frei­en Welt damit nicht selbst Gren­zen auf­er­le­gen? Zie­hen wir uns damit nicht eine wilde, un­be­zähm­ba­re Pro­vinz heran? Was kommt als nächs­tes? Stadt­teil in denen ein in­ter­ve­nie­ren nicht mehr loh­nens­wert ist? Wie es doch schon in vie­len Groß­städ­ten der Fall ist, er­in­nern wir doch nur mal an Großz­schoch­er in Leip­zig oder das Hä­ckert­ge­biet in Chem­nitz.

In einer eman­zi­pa­to­ri­schen Ge­sell­schaft, in einer Ge­sell­schaft in der es selbst­ver­ständ­lich ist das der Mensch als In­di­vi­du­um im Mit­tel­punkt steht, un­ab­hän­gig sei­nes Aus­se­hen, se­xu­el­len Ori­en­tie­rung, Re­li­gi­on und Her­kunft. In der Ge­sell­schaft die wir an­stre­ben muss sich mensch nicht recht­fer­ti­gen warum er ge­ra­de hier in der Pro­vinz sein Leben ge­stal­tet.

Ist es nicht so, das An­ti­fa in der Pro­vinz ein 24h Job ist, ein­mal als An­ti­fa­schis­tIn wahr ge­nom­men bist du ab­ge­stem­pelt und Ziel­schei­be für jeg­li­cher Art von An­fein­dung und den Meiß­ten per­sön­lich be­kannt. Und trotz­dem machst du wei­ter. Und das ist gut so.

An­statt eben die­sen Men­schen wegen klei­nen Män­geln in der Theo­rie die Un­ter­stüt­zung zu ver­sa­gen, muss un­se­re So­li­da­ri­tät, vor allem auch die prak­ti­sche So­li­da­ri­tät, den ak­ti­ven Men­schen in der Pro­vinz gel­ten. Die haben es auch ohne die Groß­stadt schon schwer genug. Wir müs­sen an­er­ken­nen und ver­ste­hen, dass die Pro­ble­me in der Pro­vinz sich stark von denen in der Stadt un­ter­schei­den. Wenn mensch von Nazis akut be­droht wird, dann ist das In­ter­es­se an einer Theo­rie­ver­an­stal­tung über glo­bal-​ka­pi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tung nicht wirk­lich groß, ob­wohl das Thema auch bei Pro­vinz-​An­ti­fas auf dem Schirm ist. Die Be­schäf­ti­gung mit Theo­rie ge­schieht eher im klei­nen ab­ge­schot­te­ten Kreis, oft­mals auch ein lang­jäh­ri­ger Freun­des­kreis, Texte wer­den ge­le­sen, aber die Mög­lich­keit zur Dis­kus­si­on, zu einer in­ten­si­ven Aus­ein­an­der­set­zung blei­ben be­schränkt.

Dies spie­gelt sich, so zu­min­dest un­se­re Er­fah­rung, auch in Tex­ten und Auf­ru­fen aus der Pro­vinz wie­der. Dies wie­der­um wird, auch das ist un­se­re Er­fah­rung, von Grup­pen aus den Städ­ten, die ein viel brei­te­res, ja auch er­le­ba­re­res po­li­tisch-​dis­kur­si­ves Spek­trum haben, als Be­grün­dung her­vor ge­bracht, eben nicht in die Pro­vinz zu fah­ren und Ak­tio­nen vor Ort zu un­ter­stüt­zen. Was wie­der­um die Se­pa­rie­rung der Pro­vinz-​An­ti­fas, im Theo­rie­be­reich vor­an­treibt.

Und ehr­lich ge­sagt, wie wol­len wir an­de­ren eine bes­se­re Welt prak­tisch auf­zei­gen, ohne Men­schen die un­se­re Vor­stel­lun­gen vom Leben, vor Ort tei­len. An­statt uns immer wei­ter zu­rück zu zie­hen und in Zen­tren zu bal­len, müs­sen wir die Pro­vinz wie­der be­le­ben. Mög­lich­kei­ten dazu gibt es immer. Doch dafür be­darf es nicht nur der Ver­net­zung der Dör­fer unter ein­an­der, son­dern auch die Ver­net­zung der Städ­te mit der Pro­vinz. Beide, Stadt und Dorf, kön­nen und müs­sen von ein­an­der und vor allem mit­ein­an­der ler­nen und sich wei­ter ent­wi­ckeln. Eine eman­zi­pa­to­ri­sche Ge­sell­schaft in der Stadt wirkt sich immer auch po­si­tiv auf die um­lie­gen­den Ge­mein­den aus, gleich­zei­tig soll­te aber nicht die ne­ga­ti­ve Wir­kung einer un-​eman­zi­pa­to­ri­schen Pro­vinz auf die Städ­te un­ter­schätzt wer­den.

Wenn uns das jetzt nicht ge­lingt, dann ver­lie­ren wir den Fuß in der Tür und damit auch ein wei­te­res Stück Le­bens­raum. Dann wird noch mehr Pro­vinz zur no-​go-​area für uns und viele an­de­re Men­schen.

In dem Sinne….

Rennst du noch, oder lebst du schon?

Hier noch zur Ergänzung der Text von Inventati.org!

Diskussionsbeitrag

Am vergangen Sonnabend (15. März) demonstrierten in Bautzen 350 Nazis und RassistInnen gegen Unterkünfte für Asylsuchende. Dagegen wandte sich eine antifaschistische Demonstration mit gerade mal 100 AntifaschistInnen, die sich von der Polizei schikanieren lassen musste. Wie in Sachsen üblich, konnten sich die Nazis dagegen polizeifrei bewegen, sich sogar unter die Gegenproteste mischen und dort GegendemonstrantInnen bedrohen. Im Laufe des Abends wurde eine Gruppe von AntifaschistInnen durch Nazis angegriffen.

So weit, so üblich. Dieser Text soll sich kritisch mit der ausgesprochen geringen Teilnahme der linken Szene aus Leipzig beschäftigen. Eine Kritik, die sicherlich auf andere Städte übertragbar ist.

Ausgangsbedingung

Bereits am 6. März hatten AntifaschistInnen auf den kommenden Naziaufmarsch in Bautzen aufmerksam gemacht und eine gemeinsamen Anreise aus Dresden angeboten. Zwei Tage später rief die Initiative sächsischer Antifa- und Antiragruppen, “Refugees welcome”, zu einer gemeinsamen Demonstration in Bautzen auf, bequeme Busanreise aus Leipzig inklusive. Dasselbe Bündnis hatte zuvor Proteste unter anderem gegen rassistische Aufmärsche in Schneeberg organisiert.

Auch wenn die Mobilisierung übers Knie gebrochen war und es im Gegensatz zu Schneeberg keine “motivierenden” Bilder von tausend RassistInnen mit Fackeln gab, war die Anreise der wenigen AntifaschistInnenen aus Leipzig für die hiesige Szene ein Armutszeugnis. Bautzen war kein Naziaufmarsch unter vielen, sondern wurde von der NPD als Startschuss zu einem Wahlkampf verkauft, der sich explizit gegen Asylsuchende richtet. Alleine in dieser Woche veranstaltet die NPD in Sachsen elf Kundgebungen gegen angeblichen “Asylmißbrauch”.

Die Aufmärsche der Nazis in Schneeberg und am vergangen Samstag in Bautzen sind wichtige Motivationsschübe für das Fußvolk der NPD, auf das die Partei vor allem im Hinblick auf die kommende Landtagswahl dringend angewiesen ist. Eine erfolgreiche antifaschistische Intervention in Orten wie Bautzen macht den Faschisten nicht nur ihre so genanntes “Hinterland” streitig, sondern durchkreuzt auch Pläne für kommende Aktionen. Das ignorieren jedoch weite Teile der antifaschistischen und antirassistischen Szene, gerade in Leipzig, und verpassen damit Chancen, am Rausflug der NPD aus dem Landtag mitzuwirken.

“Aber es ist doch Buchmesse”

Viele GenossInnen sind nicht etwa deshalb nicht nach Bautzen gefahren, weil man durch besondere strategische Einschätzungen davon abgehalten worden wäre. Sondern weil Buchmesse-Veranstaltungen als interessanter galten, die Mobilisierung als zu kurzatmig oder unattraktiv bezeichnet wurde oder der Weg zum Buskarten-Verkauf zu weit schien. Das Versagen in Bautzen wird jedenfalls nicht dadurch besser, dass das eigene Fernbleiben nicht einmal politische oder strategische Gründe hatte, sondern sich nebenher aus der persönlichen Freizeitgestaltung ergab.

Das Fehlen politischer oder strategischer Gründe ist auch darauf zurückzuführen, dass eine wichtige Voraussetzung dafür weithin fehlt: Dass sich Menschen überhaupt in antirassistischen und antifaschistische Zusammenhängen organisieren. Bis heute hat sich lediglich die Antifa Klein-Paris zu einer bundesweit geführten Debatte zur aktuellen Situation zu Wort gemeldet. Von Gruppen wie Prisma, The future is unwritten, “Rassismus tötet”-Leipzig, Initiativkreis Menschenwürdig oder der “dienstältesten Gruppe”, dem antifaschistischen Frauenblock Leipzig, ist jedoch nichts zu vernehmen. So positions- und diskussionfaul wie heute war die Leipziger Szene selten.

Das schlägt sich auf die Praxis nieder. Im Vergleich zu anderen Regionen kann Leipzig sich zwar über eine recht vitale und die wohl größte Szene in Sachsen freuen; im Februar beteiligten sich fast 1000 Menschen an kurzfristig organisierten Protesten gegen eine NPD-Kundgebung in Leipzig-Schönefeld. Dennoch werden GenossInnen außerhalb von Kiez und Stadt, gerade in der sächsischen Provinz, mit ihren Problemen alleine gelassen. Das muss nicht so sein: Im Falle Bautzens hätte ein voller Bus aus Leipzig durchaus Akzente setzen können.

Wenn man sich auf die Diskussionsebene einlässt, dass es zu viele Aktionen (oder Anlässe für Aktionen), insbesondere auch Naziaufmärsche gibt und man “dank” kapitalistischem Verwertungsdruck nicht überall einschreiten kann, dann braucht es erst recht eine Diskussion, wo und wie antifaschistische und antirassistische Interventionen strategisch wichtig sind und wo nicht. Wenig hilfreich dabei ist, wenn die seltenen Debatten nicht von den aktiven Gruppen dominiert werden, sondern von Einzelpersonen, die heute schon “die Alten” sind und mit einer Praxis fern der Tastatur nicht mehr viel zu tun haben.

Als Erinnerungsstütze sei zum Schluss an einem Text des damaligen “Bündnis gegen Rechts” aus dem Jahr 1999 erinnert:

Antifa muß sein! Über die Notwendigkeit von Antifaschismus

Es ist die alleinige gesellschaftliche Verantwortung einer antifaschistischen linken Bewegung, ob die Nazis wieder zu einer attraktiven Massenbewegung werden oder nicht. Keine andere gesellschaftliche Kraft wird sich letztendlich den Nazis in den Weg stellen. Die Demokratie allein wird dies nicht vermögen. Antifaschismus heute muß sich deshalb auch kritisch auf die Geschichte des Antifaschismus beziehen und muß insbesondere die Fehler von damals analysieren und aus ihnen lernen.

Die Antifa-Bewegung von heute muß eine antistaatliche Bewegung sein. Wenn sie sich auf den Staat verläßt oder an ihn appelliert, wird sie im Zuge der bürgerlichen Totalitarismusdoktrin eingehen. Notwendigerweise müssen die antifaschistischen “Sekundärtugenden” anti-deutsch sein: gegen den Arbeitswahn, den Ordnungs – und Disziplinzwang, gegen Unterordnung und Anpassung.

Die Notwendigkeit von kontinuierlicher antifaschistischer Politik als Grundlage unserer eigenen verbindlichen Perspektive muß abschließend ausdrücklich betont werden. Gegen die Verlockungen der bürgerlichen Gesellschaft und die angeblich öffentliche politische Beliebigkeit hilft nur Organisierung und Politisierung in Antifa-Gruppen. Dabei wird in Zukunft entscheidend sein, wie sehr die Antifa-Bewegung eigene Akzente setzen kann und sich nicht die eigene Politikausrichtung durch die Nazis diktieren läßt.

Für kontinuierliche Antifa-Arbeit!
Organisiert Euch in Antifa-Gruppen!





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