Archiv für August 2011

Kiezkicker 9

Rote Sterne gegen braune Provinzen…

Es geht wieder los. Die Sommerpause ist vorbei und eine neue Liga wartet auf den Stern. Selbstredend erwarten uns auch spannende Auswärtsspiele in Zwenkau, Borna und Bad Lausick, im berüchtigten Südraum von Leipzig.

Während die Teams ihre wohlverdiente Pause genossen und dem mehr oder wenigen tollen Sommer frönten, zeigte sich die Provinz mal wieder von ihrer braunen Seite. Neben den alltäglichen Schikanen, Bedrohungen und Angriffen, hatte das Hinterland im August ein richtiges „Highlight“ zu bieten.

Neonazis aus dem „Freien Netz Borna/Geithain“, sowie der Kreisverband der NPD, veranstalteten am 13. August einen sogenannten „Tag der Identität“. Ursprünglich sollte dieser im Bürgerhaus von Geithain stattfinden. Nachdem sich aber zeigte, dass dies nicht ohne Protest durchführbar sein würde, verbot die Stadt die Nutzung des Bürgerhauses. Das Verbot hatte auch vor den Gerichten bestand. Also wichen die Nazis auf einen Vorplatz des Geithainer Fußballplatzes aus. In ihrem Rückblick berichten die Nazis vom „Henning-Frenzel-Stadion im Herzen der Stadt […] zwangsläufig größere Öffentlichkeit […] stärkere Resonanz in der Bevölkerung.“ Wenn wir bei unserem Auswärtsspiel in Geithain sind, werden wir uns von der Top-Lage selbst überzeugen können. Ich sage nur, kleine Gasse in die Innenstadt (hügelaufwärts), idyllische Kleingärten, und ein paar entfernte Eigenheime. Nur als kleine Info am Rande, das Bürgerhaus liegt mitten in einem Wohngebiet, um geben von Wohnblöcken, Mehr- und Einfamilienhäusern. Soviel zur „zwangsläufig[en] größere[n] Öffentlichkeit“.

Der „Tag der Identität“ ist ein Mix aus Reden schwingenden Nazikadern, Infoständen und Musik. Als Redner traten Manuel Tripp, Patrick Fischer, Pierre Dornbrach, Michael Neumann und Maik Scheffler auf. Für den musikalischen Rahmen sorgten das Liedermacher-Duo Max & Tobias aus Jena, die Naziband „Priorität 18″ aus der Region Dresden, die Rechtsrock-Band „Terroritorium“ aus dem Raum Hannover, „Exzess“, eine Rechtsrock-Band aus dem brandenburgischen Strausberg und „Wiege des Schicksals“ aus Pommern.

Ebenso waren verschiedene Infostände vertreten, um Neonazis über Aktivitäten auf dem Laufenden zu halten, aber auch um aktiv Vernetzungsarbeit zu leisten. Folgende Gruppierungen sollen einen Infostand gehabt haben: das „Freies Netz Mitteldeutschland“, das „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“, die „JN Sachsen“, der „Ring Nationaler Frauen“, die „Ersthelfer“ sowie die Kampagne „Free Gender“.

Weiterführende Infos zu den Bands und den Initiativen hinter den Infoständen findet ihr unter www.geithainnazifrei.blogsport.de in der Rubrik Hintergründe.

Als bekannt wurde, dass die Nazis ein Fest in Geithain planen, gründete sich das Bündnis „Geithain nazifrei“, welches sich zum Ziel setzte, den „Tag der Identität“, zu stören wo es nur geht. In dem Bündnis kamen zivilgesellschaftliche Initiativen und Antifagruppen aus der Region unter einen Hut und es wurde sich auf eine Gegendemo mit anschließendem Familienfest verständigt. Nach einigen Wochen Vorbereitung, der ein oder anderen Mobi-Veranstaltung, stundenlanger Plena und diverser Verunglimpfungen durch CDU-VertreterInnen (Abteilung: Hilfe die Extremisten kommen!), stand auch das Konzept der Gegenaktionen.

Die Polizei erwartete mindestens zwei Busse voller Autonomer aus Leipzig, einen aus Dresden und einen aus Chemnitz. So zumindest die Aussage im Kooperationsgespräch. Aus diesem Grund waren wohl auch Polizei-Pferde, Dienst-Hunde und eine Menge Cops in der Kleinstadt zusammen gezogen worden. Einheimische berichteten sogar von Probefahrten des Wasserwerfers, um sicher zu stellen, dass dieser nicht in einer der kleinen Gassen stecken bleibt. Wie dem auch sei, wir wären schon mit einem Bus aus LE zufrieden gewesen. Leider kam nicht einmal dieser zustande. Am Ende waren wir froh, dass zumindest 5 Autos den Weg nach Geithain fanden.

Darum bitten wir euch an dieser Stelle noch einmal eindringlich: Unterstützt antifaschistische Aktionen in der Provinz! Supportet Gruppen und Initiativen! Nutzt Busse wenn sie angeboten werden! Und kauft eure Buskarte so zeitig wie möglich (gilt auch für Auswärtsfahrten), denn im Zweifelsfall muss der Bus sonst abbestellt werden, um ein großes Loch in der Kasse zu vermeiden.

An der Antifa-Demo nahmen trotzdem rund 180 Leute teil. Die Mischung war bunt und reichte von Parteivertreter_innen (SPD, Grüne, Linke), über Jugendliche aus Geithain, zivilgesellschaftliche Vereine und Initiativen aus der Gegend, Kirchenvertretern, Gewerkschafter_innen, Antifagruppen und Einzelpersonen. Um Krawalle zu verhindern, wurden Seitentransparente verboten. Da ein selbstbestimmtes Durchsetzen der Seitentranspis dem Konsens der Gewaltfreiheit widersprach, wurde kreativ auf das Verbot reagiert und die Demo in die Länge gezogen, indem es mehrere Front-Transparente gab. Dies wurde bis zur ersten Zwischenkundgebung durch gezogen. Anschließend wurde darauf verzichtet, um nicht den Anschein zu erwecken, es gäbe verschiedene Blöcke. Die Zwischenkundgebung fand an der oben beschriebenen Gasse (zum Stadion) statt. Hierbei wurden die Nazis mit guter Musik und intelligenten Beiträgen beschallt. Eine handvoll Nazis ließ sich dann auch am Ende der Gasse sehen. Eine persönliche Begrüßung war aber leider nicht möglich, da die Gasse mit „Hamburger Gittern“, ein dutzend Bullen und zwei Diensthunden gesperrt war. Das klingt auf den ersten Blick wenig, zeigt aber auch wie klein die Gasse war. Im Anschluss daran ging es noch eine Runde durch die Stadt. Die Polizei drohte mit einem Stoppen der Demo, falls das eine Seitentransparent am Ende der Demo nicht eingerollt würde. Sie beließen es bei der Drohung. In der Nähe des Bürgerhauses, dem ursprünglichen Ort des Nazifestes, stressten die Bullen noch ein wenig herum, unter anderem wurden Personalien von Menschen aufgenommen, die die Demo verließen. Kurz vor dem Ort der Schlusskundgebung bzw. des Familienfestes tauchten noch einmal ein paar Nazis am Straßenrand auf und wedelten mit der Nationalfahne des Iran. Diesmal standen keine Cops im Weg herum und so bewegte sich ein Teil der Demo zügig bis ganz schnell in Richtung der Nazis. Die nahmen die Beine in die Hand und verschwanden ganz schnell wieder. Auch die Bullen sprinteten ein bisschen in der Gegend herum und so kam doch noch ein wenig Bewegung in die Sache. Zumindest kurzzeitig.

Den restlichen Nachmittag hieß es dann chillen im Stadtpark bei Musik und leckerem Essen. Erst kurz vor Schluss der Veranstaltung kam es noch zu einem bedauerlichen Zwischenfall in der Nähe des Familienfestes. Sieben Nazis im AN-Look griffen zwei Antifas an, die etwas abseits auf einer Parkbank saßen. Einer konnte flüchten und die Cops verständigen, so dass fünf von den Angreifern die Nacht in Gewahrsam verbrachten. Die zweite Person wurde durch Tritte und Schläge (u.a. mit einem Stock) leicht verletzt.

An der Naziveranstaltung nahmen nach offiziellen Angaben der Polizei 120 Personen teil. Die Nazis widersprechen dem und schreiben von „exakt 212“ Besuchern. Wobei das Freie-Netz den ganzen Tag eifrig twitterte und selbst fleißig mit Zahlen jonglierte. So wurden auf der Gegendemo 70 Leute gezählt und das Familienfest angeblich wegen mangelnden Teilnehmern vorzeitig beendet. Naja, aber das kennt mensch ja bei den braunen Deppen, Niederlagen und Misserfolge gibt es nicht und Schuld sind immer die Anderen…

In diesem Sinne, auf zu neuen Taten, das Hinterland rocken und den Nazis ordentlich einheizen.

anna&arthur




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