Archiv für Juni 2011

Kiezkicker 8

Für die Freiheit! Für das Leben!

Es ist geschafft! Mit diesem Heft und dem Vereinsfest unseres RSL geht eine überragende Saison zu Ende. Die Erste ist aufgestiegen und spielt nun in der Bezirksliga. Herzlichen Glückwunsch. Auch die anderen Teams, von den Frauen über die Volxler bis hin zu den Bambinis, haben sich ihre Sommerpause redlich verdient. Auch euch ein großes Dankeschön für die Saison.

Lange haben wir überlegt, über was wir für das „Fest-Heft“ schreiben. Sollen wir euch wieder einmal mit „Gruselgeschichten“ über die dunkelbraune Provinz die Partystimmung eintrüben? Oder mit einem kleinen Ausblick auf kommende Auswärtsfahrten… Ach nein, das wären dann ja wieder „Gruselgeschichten“! Einfach mal ein schönes, romanisches, verklärendes Bild „unserer“ Provinz zeichnen?! Das wäre wahrscheinlich das passendste Thema für dieses Heft… gewesen! Leider hat uns die Realität einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht und so kommt es, wie es kommen musste. Es wird eine „Gruselgeschichte“!

Beim letzten Spiel haben wir am Merchandise-Stand die neuen RSSC-Sticker (Red Star Supporters Club) gekauft. Vor allem das Motiv „never forget 24.10.2009“ hat uns beeindruckt. Auch haben wir uns an die Ufta nach dem perfekt gemachten Aufstieg erinnert, als immer wieder „Nie wieder Brandis“-Rufe die Runde machten. Es war ein richtiges Gänsehaut-Feeling, vor allem weil mensch spüren konnte, wie lebendig Wut und Trauer bei Vielen noch sind. Warum dieser Rückblick? Weil derzeit wieder Prozesse gegen die Angreifer geführt werden. Diesmal finden die Verhandlungen in Grimma statt. Angeklagt sind Michael W., dürfte vielen nicht nur aus Brandis bekannt sein, so war er doch auch beim Spiel in Schildau und auch schon bei einigen Prozessen in Leipzig, dort hat er versucht BesucherInnen zu provozieren und einzuschüchtern. Der Zweite angeklagte ist Stefan R. und der letzte ist Ronny R.. Beim Erscheinen dieses Heftes ist der erste Prozesstag schon vorbei, ob es weitere geben wird, stand bis zum Redaktionsschluss noch nicht fest.

Deshalb richten wir unseren Blick mal auf Grimma. Seit einiger Zeit nehmen die Naziaktivitäten in Grimma wieder zu. Hier haben die NSM, die Nationalen Sozialisten Muldental, ihre Territorium. Diese fallen derzeit vor allem durch Hakenkreuz-Schmierereien und Sachbeschädigungen auf. Eine weitere Nazi-Gruppierung, die TCM – Terror Crew Muldental, treibt ebenfalls in der Region ihr Unwesen. Bekannt wurde die TCM aber durch ihre Beteiligung an dem Überfall auf die Sterne in Brandis. Beide Gruppen nehmen auch regelmäßig an rechten Fußball-Turnieren teil. Dass jüngste Turnier fand erst vor Kurzem im nordsächsischen Oschatz statt. Die TCM siegten vor der Mannschaft der JN Muldental, aber das nur am Rande.

Oschatz? Da war doch was! Anfang Juni wurde bekannt gegeben, dass ein obdachloser Mann in der Nacht vom 27. Mai zusammen geschlagen, getreten und schwer misshandelt wurde. Am 1. Juni erlag der 50-jährige seinen schweren Kopfverletzungen.

Vier Tage später haben sich die Mitglieder der “Jungen Nationaldemokraten” (JN) aus Delitzsch/Eilenburg, Torgau und Oschatz zum JN-Verband Nordsachsen zusammengeschlossen. Nach Parteiangaben soll durch die Fusion nahe Leipzig die größte Gliederung der Jugendorganisation entstanden sein. Zur “Gründungsfeier” am 5. Juni seien 70 Teilnehmer an einem nicht benannten Ort erschienen, es gab einen “Einmarsch der Fahnenträger” sowie Ansprachen. Anführer der neuen Jugendgruppe ist Paul Rzehaczek (Eilenburg), der wie sein Vater Kai Rzehaczek ein Gefolgsmann der nordsächsischen NPD ist. Die Rzehaczeks betreiben nebenbei den neonazistischen “Nordsachsen-Versand” und arbeiten mit an “Recherche Mitte” – eine “Anti-Antifa”-Website, auf der AntifaschistInnen und Linke “geoutet” werden, Gewaltaufrufe inklusive.

Mittlerweile hat die Polizei mindestens drei Tatverdächtige ermitteln können. Einer der Täter, der 27-Jährige Ronny Schleider, sitzt deswegen in Untersuchungshaft. Der Ortsansässige ist der ehemaligen „JN Oschatz“ und folglich auch der neuen „JN Nordsachsen“ zuzurechnen.

Bei der oben erwähnten Gründungsfeier sagte übrigens Tommy Naumann, dass die JN “im Kleinen das vorzuleben” habe, “was im Großen einmal die neue deutsche Volksgemeinschaft darstellen soll” – Mord also.

Doch damit nicht genug. Es gibt noch einen zweiten Fall von tiefbrauner Nazi-Provinz, den wir hier für euch dokumentieren. Am Pfingstwochenende kam es zu mehreren Vorfällen in Limbach-Oberfrohna (bei Chemnitz).

Freitagnachmittag befanden sich alternative Jugendliche auf der Sachsenstraße, dort bemerkten sie größere Gruppen von bekannten Rechten, welche in regelmäßigen Abständen provokant vorbeizogen. Diese machten sich durch Pöbeleien, welche sich gezielt gegen die Jugendlichen richteten und politische Parolen, wie „Sieg Heil“ und „Nationaler Sozialismus – jetzt!“ als gewaltbereite Nazis erkennbar.

Gegen Abend versuchte eine gewaltbereite Gruppe von circa 10 bis 15 Rechten ein Auto eines Alternativen aus Limbach-Oberfrohna zu attackieren. Diese Gruppe war teils vermummt und mit Stangen und Holzlatten bewaffnet. Glücklicherweise konnten die Insassen des Autos knapp entkommen. Unmittelbar darauf bewegte sich diese Gruppe Richtung Sachsenstraße um weitergehend körperliche Auseinandersetzungen zu suchen. Daraufhin wurde die örtliche Polizeidirektion verständigt, um Weiteres zu verhindern. Dieser Anruf wurde jedoch mit den Worten „was sollen wir jetzt tun?“ abgetan.

Erst bei dem zweiten Anruf bekamen die Betroffenen von den Beamten Gehör. Ein halbe Stunde später und dreimaligem Vorbeilaufen der aggressiven Gruppe traf die Polizei mit lediglich einem Streifenwagen ein. Während sich die Personen aus der Sachsenstraße mit der Polizei unterhielten, befanden sich mehrere Nazis in unmittelbarer Nähe und pöbelten lautstark weiter – ignoriert von der Polizei. Kurze Zeit später verließen die Beamten den Ort des Geschehens und die Nazis zogen weiter durch die Stadt – dies ging bis Nachts um vier Uhr.

Aufgrund mangelnder Polizeipräsenz und fehlendem Interesse zu den vor-tägigen Vorkommnissen, sicherten die Bewohner der Sachsenstraße am Samstag ihre Fenster mit Gittern, da unter anderem Morddrohungen ausgesprochen und weitere Angriffe angekündigt wurden.

Gegen 00:15 Uhr am Sonntag, ein ähnlicher Vorfall: Ein PKW mit den Betroffenen vom Freitag wurde von circa 20 Nazis, mitten auf der Straße, versucht anzuhalten. Diese konnten aber gerade noch so entkommen. Kurze Zeit später zogen die Nazis mit Schlägern und Holzlatten bewaffnet Richtung Sachsenstraße. Lautstark bewegte sich die Gruppe unbeachtet von der Polizei zu einem Wohngebäude, in dem sich mehrere linke und alternative Jugendliche aufhielten.

Als die Jugendlichen, die sich im Haus befanden, bemerkten wie die Nazis sie angriffen, Steine auf Fenster in den oberen Etagen warfen und keine Polizeibeamten vor Ort waren, verteidigten sie sich. Der Brandanschlag des letzten Jahres, sowie die Übergriffe der letzten drei Jahre haben tiefe Spuren bei allen Betroffenen und Alternativen hinterlassen. Die Angreifer versuchten sich Zugang in das Gebäude zu verschaffen, was nur aufgrund massiver Gegenwehr verhindert werden konnte. Bei dem Angriff wurde ein Fenster eines älteren Bewohners zerstört.

Wenig später kamen mehrere Streifenwagen der Polizei und die Nazigruppe flüchtete. Die Polizei richtete ihre Aufmerksamkeit aber nicht auf die angreifende Gruppe, sondern auf die Personen, die sich im Haus aufhielten. Eine Gruppe von ca. 10 Rechten befand sich im unmittelbaren Umfeld, denen die Polizei allerdings, wieder einmal, keine Aufmerksamkeit schenkte.

Danach begannen die Beamten den Garten des Hauses mit Taschenlampen zu durchsuchen und drangen in das Haus und die Wohnungen der Mieter ein. Dabei wurden die Personalien der Personen im Haus festgestellt und die Wohnungen durchsucht. Es wurden mehrere Gegenstände gefunden, die der Selbstverteidigung dienen und sich deshalb innerhalb des Hauses befanden.

Außerdem wurden bei der Durchsuchung drei Einkochgläser mit Sand gefüllt (der Sand vor Ort war für ein Berufsschulprojekt eines Hausbewohners) und ein Gefäß mit ca. 50 ml Kaliumnitrat gefunden. Wegen Verdacht auf Sprengstoff waren bis Mittags die Beamten zur Sicherung der Stoffe im Haus.

Noch bevor die eingeforderten Spezialkräfte die Gefäße identifizieren konnten, wurde ein Artikel im Internet veröffentlicht, indem behauptet wurde, dass sich darin 400 ml Schwarzpulver und 400 ml Kaliumnitrat befinden. Bei dem Kaliumnitrat handelt es sich um ein herkömmliches Haushaltsmittel, das als Dünger verwendet wird oder Anwendung als Konservierungsstoff von Lebensmitteln Anwendung findet. Außerdem wurde behauptet, dass der Angriff von den linken Jugendlichen ausging und diese zwei junge Männer aus der rechten Szene angegriffen und verletzt hätten.

Der Polizeieinsatz passt in das Vorgehen der Behörden in Limbach-Oberfrohna, die seit Jahren versuchen, rechte Gewalttaten herunterzuspielen, und Alternative und Andersdenkende zu kriminalisieren. Opfer werden zu Tätern gemacht und Verfassungsfeindlichkeit in der Öffentlichkeit toleriert.

Eine so schnelle Pressemitteilung zu einem der vielen rechten Vorfälle hat es so eindeutig noch nie in Limbach-Oberfrohna gegeben. Nicht einmal nach dem Brandanschlag wollte man sich von behördlicher Seite klar positionieren und in diesem Fall, werden schon Informationen vor Abschluss der Untersuchungen bekannt gegeben. Ein Zufall?

Ok, das solls nun aber von uns gewesen sein. Wir hoffen, dass wir euch die Feierstimmung nicht zu sehr getrübt haben. Genießt das Vereinsfest, erholt euch im Sommer und dann heißt es auch schon bald „Neue Saison, neue Städte und Plätze zum Tanzen bringen und natürlich FORZA RSL!!!

Bis bald,
anna&arthur

Ach ja, weitere Infos, u.a. zu neueren Vorkommnissen in Geithain, findet ihr auch auf der Seite von unseren Freund_innen vom Netzwerk Naunhof unter www.netzwerk-naunhof.org!




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