Archiv für November 2010

Kiezkicker 4

Schlimmer geht’s immer…

Nachdem wir euch in der letzten Ausgabe einen kleinen Einblick in das Leben im Kurort Bad Lausick gewährt haben, geht unsere Reise heute noch ein kleines Stück weiter in den Süden. Dieses mal geht es um Geithain. Einige von euch haben wahrscheinlich im Rahmen des 16.10.2010 schon von diesem Nest gehört. Begann doch der „Tag der 1000 Spontis“ eben hier mit einem Mini-Aufmarsch und dem anschließenden „Geithainer Kessel (twitternde Nazis)“.

Doch warum Geithain, wo es doch auch z.Bsp. zu Dahlen genug zu erzählen gäbe?

Am 07.05. dieses Jahres wurde der 15jährige Florian von Albert R., einem vorbestraften und bekannten Nazis an einer Tankstelle durch einen Tritt auf den Brustkorb und einem Schlag ins Gesicht schwerst verletzt. Am 29.10. wurde der Fall in Chemnitz verhandelt und es gab ein unfassbares Urteil.

Der Staatsanwalt plädiert mit klaren Worten für die Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung und eine Haftstrafe von 20 Monaten. Der Angeklagte gehöre einer Gruppierung an „die politisch anders Denkende verfolgt“, findet er recht klare Worte. R. sei bereits 7 mal strafrechtlich aufgefallen, 5 mal wegen Körperverletzung – immer wieder kam er mit Auflagen wie Arbeitsstunden davon. Nur einen Monat vor der Tat waren ihm drei Wochen Jugendarrest auferlegt worden, die er wegen der Untersuchungshaft gar nicht angetreten hatte. Eine weitere Chance für Albert R.? Diese Meinung vertreten Staatsanwalt und Nebenklagevertreter nicht.

R.s Verteidiger Held dagegen holt zur Argumentationspirouette aus: sein Mandant könne doch nicht für die Verfehlungen der Justiz büßen, die ihn immer wieder zu sanft angefasst hätte. Helds Konsequenz leuchtet nicht ein: er plädiert für eine Bewährungsstrafe. Die U-Haft habe seinen Mandaten zum Nachdenken gebracht, dieser wolle nun sowohl sein Gewalt- als auch sein Alkoholproblem angehen. Und schließlich bestünde die Möglichkeit am Montag seine Lehre als Maler/ Lackierer wieder anzutreten, was die Verantwortliche des Lehrbetriebes in Mittweida aus dem Zuschauerbereich bestätigt – vollkommen unbeeindruckt von dem was hier vor Gericht eigentlich verhandelt wird.

13.30 Uhr verkündet Richter Gräwe das Urteil: 20 Monate Haft, ausgesetzt auf 3 Jahre Bewährung. Albert R. muss zudem einen Anti-Aggressionskurs besuchen, sich in die Obhut einer Suchtberatung und eines Bewährungshelfers begeben. Hinzu kommen 40 Arbeitsstunden, die er bis zum Ende seiner Ausbildung monatlich verrichten muss. Außerdem muss er sein Opfer in Form von Geldleistungen entschädigen.

Albert R., bekennender Neonazi und bei zahlreichen Aufmärschen ganz vorn dabei, kann den Gerichtssaal ohne Handschellen verlassen. Seine Gesinnungsgenossen nehmen ihn herzlich in Empfang. „Es war doch klar, dass wir hier 1:0 rausgehen“ raunt es aus der Gruppe vor dem Gericht.“ (Quelle: Indymedia)

Für Florian und seine Familie, genauso wie für uns, ist dieses Urteil untragbar. Ganz in Nazimanier wurde der mögliche Tod des 15-jährigen bewusst in Kauf genommen. Der Schlag in das Gesicht zertrümmerte Florians Stirnhöhle, nur durch Glück gelangen keine Knochensplitter in das Gehirn. Nach einer Not-OP, die das Leben des Jugendlichen rettete und weiteren chirurgischen Eingriffen konnte der Schädel mit einer Metallplatte wieder hergestellt werden. Doch ganz erholen wird sich Florian wohl nie. So beschreibt er selbst, dass er Teile seines Hinterkopfes nicht spürt und dass es sich anfühlt, als ob er ständig eine Badekappe trage (Vgl. L-IZ.de).

Das Florian angegriffen wurde ist kein Zufall. Mehrfach wurden im Geithainer Stadtgebiet Drohungen gesprüht. Unter anderem war an einer Garage zu lesen „Florian wir kriegen dich“. Auch im Internet wurde der 15-jährige geoutet und somit für Nazis zur Jagd frei gegeben.

Die Kameraden in Geithain sind im Freien Netz Borna/Geithain organisiert und verfügen über enge Kontakte zu den Nazis um Tommy Naumann in Leipzig. Sie organisierten mehrfach nationale Fußballturniere in einer Turnhalle in der Stadt und erfreuen sich seit Anfang des Jahres über das NPD-Bürgerbüro des sächsischen Landtagsabgeordneten Alexander Delle. Zudem sitzt mit Manuel Tripp ein Aktivist des Freien Netzes für die NPD im Stadtrat von Geithain. Gerade jener Tripp distanzierte sich nach dem Angriff auf Florian von jeglicher Gewalt und vermied es tunlichst mit dem Angriff in Verbindung gebracht zu werden. Wohl auch deshalb demonstrierten die Nazis des FN Borna/Geithain am 20.05.2010 in Bad Lausick, um sich solidarisch mit dem kurz vorher verhafteten Albert R. zu erklären. Am Tag der Urteilsverkündung in Chemnitz ließ Manuel Tripp jedoch seine Scheu fallen und gesellte sich zu anderen Nazis im Gerichtssaal. Wenig später sah mensch den Tross dann an einer Tankstelle den milden Urteilsspruch mit einem Bier feiern.

Kein mensch bleibt vergessen! Solidarität mit allen Betroffenen rassistischer, antisemitischer, faschistischer, sexistischen und/oder homophoben Gewalt!

Siempre Antifascista!

Bis zum nächsten Mal,
anna & arthur




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: