Archiv für Oktober 2010

Kiezkicker 3

„Wenn die Nacht am tiefsten ist…“

Wir befinden uns in einer kleinen beschaulichen Kurstadt etwa 40min südlich von Leipzig. Die Nachbarstädtchen, alle im Umkreis von etwa 10-15km haben so wohlklingende Namen wie Colditz, Borna, Grimma und Geithain. Außer einem überregional bekanntem Freizeitbad und der Fachschule für Sozialwesen hat die Stadt nicht viel zu bieten. Sogar die Straßenbeleuchtung hat keine Lust dieses Szenario länger als nötig zu beleuchten.

Bei Lichte (also am Tag betrachtet) sind die Spuren der lokalen Nazis kaum zu übersehen. Gegenüber der Zufahrt zum Freizeitbad prangt an einem Garagenkomplex der Versuch eines rechten Graffiti. Eine große, nach rechts wehende, schwarze Fahne, ergänzt mit dem Aufruf „WERDE AKTIV“. Vor einem der vielen Supermärkte parkt ein schwarzer Van, auf dessen Heckscheibe „Todesstrafe für Kinderschänder“ nazistisches Gedankengut offen propagiert wird. Ein paar Straßen weiter das nächste Auto, diesmal ein grüner Kombi, dessen Heckscheibe von Runen und einem Bandlogo verziert ist. Hier und da noch die Reste von Naziparolen (meist einfach vergilbt) an Hauswänden und Bushaltestellen, sowie massenweise Sticker diverser Neonazigruppen und Versande. Augenscheinlich ist die Nähe zum „Freien Netz – Borna/Geithain“, deren Aufkleber am häufigsten zu finden sind.

Soweit so schlecht. Die hiesigen Nazistrukturen scheinen gut vernetzt und treten dementsprechend selbstbewusst auf. Mittlerweile kann mensch fast sogar von einer „national befreiten Zone“ sprechen. SchülerInnen der Fachschule, welche den Nazis nicht deutsch genug erscheinen, werden verfolgt, rassistisch angepöbelt und mit Waffen angegriffen. Es wurde versucht eine Wohnung zu stürmen, eine andere wurde mit Steinen attackiert. Mitte letzten Jahres wurde durch die Polizei sogar das Freizeitbad einen halben Tag lang gesperrt, da sich um die hundert Neonazis angekündigt hatten, um einen nationalen Spaßbadtag zu verbringen. Nazis, u.a. aus Chemnitz, wurden wieder Heim geschickt. Gleichzeitig fand in einem Dorf bei Colditz, also in unmittelbarer Nähe, ein Lager der inzwischen verbotenen HDJ (Heimattreue Deutsche Jugend) statt. Ende Mai diesen Jahres marschierte eine Nazi-Spontandemonstration („Recht auf Zukunft“) durch das Neubautengebiet und reihte sich damit in die Kampagne der Leipziger Neonazis („Recht auf Zukunft“) ein. Diese hatten in mehreren Städten rund um Leipzig, sowie einigen Leipziger Stadtteilen, spontane Demos durchgeführt, nachdem am 17.10.2009 die gleichnamige Nazidemo keinen Meter laufen konnte und nach einem kurzen Riot(-versuch) aufgelöst wurde.

Zum Nachlesen! ChronikLe (Bad Lausick)

Doch zurück in das beschauliche Städtchen im Leipziger Süden. Schon nach den Angriffen auf die SchülerInnen fuhr eine Gruppe AntifaschistInnen nach Bad Lausick, um Soli-Plakate zu kleben und somit auch Öffentlichkeit zu schaffen. Schon nach kurzer Zeit bekamen die Nazis Wind von der Aktion und begannen sich zu sammeln und zu bewaffnen. Dank eines Scouts konnten die Antifas rechtzeitig gewarnt werden und sich unbehelligt in sichere Gefilde zurück ziehen. Letztes Wochenende fand sich wieder eine kleine Gruppe zusammen um ein deutliches (gut sichtbares) Zeichen gegen die braunen Umtriebe zu setzen.

Die stockdunkle Nacht, bis auf ein paar Sterne und ein paar letzte Lichter hinter Fenstern war nichts zu sehen, war zwar unheimlich, doch bot sie auch Schutz vor allzu neugierigen Blicken. Ziel war es das Nazi-Graffiti zu verändern. Am Ort des Geschehens angekommen, ging es auch schnell los, der erste Teil des Bildes wurde „grundiert“ und somit die braune Propaganda verdeckt. Und, typisch Bad Lausick, fahren just in dem Moment, als es richtig losgehen sollte Autos vorbei. Schnell im Dunkeln versteckt, kein Auto hält an, weiter geht es. Denkste! Vermutlich saßen in einem der Autos Nazis, die natürlich sofort bemerkten, dass an ihrem Bild was nicht stimmt. Anders ist nicht zu erklären, dass urplötzlich 2, wenn nicht sogar 3 Autos auf die Wiese vor dem Garagenkomplex gerast kommen und die Dunkelheit der Wiese in helles Licht tauchen. Zum Glück waren die AntifaschistInnen zu diesem Zeitpunkt zwischen hohen Gräsern in Deckung gegangen. Ein weiteres Auto ist kurz vorher auf das Gelände der Garagen gefahren. Weil die Nazis bei ihrem Ausleuchten des Geländes niemanden bemerkten, zogen sich sich nach wenigen Minuten, die den versteckten Antifas ewig lang vorkamen, vorerst zurück. Der Puls steigt spürbar an, das Herz pocht so laut und dröhnt im Kopf, sodass mensch schon Angst bekommt die Nazis könnten das hören. Vor einem die Dunkelheit, unter größter Anstrengung kann mensch die Autos erkennen. Bloß keine Geräusche machen, nur in die Dunkelheit hinein hören. Ist jemand ausgestiegen? Sind da Schritte zuhören? Wie viele werden es wohl sein? Und so plötzlich wie die Autos gekommen sind verschwinden sie wieder, zumindest von der Wiese. Kurzes sammeln, Mal-Zeug verstecken, Position ändern, kurzes Plenum. Der einzige Weg zurück geht über die Straße. Doch immer wieder fahren Autos vorbei und immer wieder sind es die gleichen Autos. Mögliche Fluchtwege werden nach den Antifas abgesucht. Manchmal bleiben die Autos an dunklen Stellen stehen, schalten das Licht aus und warten in der Hoffnung die Flüchtenden zu überraschen. Nach einigem Warten und einer längeren Ruhe vor den Autos flink über die Straße gehuscht und schnell wieder eingetaucht in die Dunkelheit der fehlenden Straßenbeleuchtung. Nachdem der scheinbar unendliche Rückweg ohne weitere Zwischenfälle geschafft war und die Gruppe in Sicherheit durchatmen konnte, fiel allen nur eine Frage ein: „Was für eine Scheiße ist da gerade passiert?!“

Bis zum nächsten Mal,

anna & arthur




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