Kühe, Schweine, Hinterland…

Das Leipziger Umland präsentiert sich Ende 2009 so braun wie lange nicht mehr. Neonazis aller Couleur gedeihen prächtig in der sächsischen Provinz.

Groitzsch, Borna, Geithain, Bad Lausick, Colditz, Wurzen, Döbeln, Mügeln, Grimma, Brandis, Taucha, Eilenburg, Delitzsch.

Nahezu in jeder Stadt kam es in diesem Jahr zu gewalttätigen Übergriffen gegen Menschen die nicht in das Weltbild der Nazis passen. Hinzu kommen Demonstrationen, nationale Fußballturniere, Free-Fight-Veranstaltungen, Konzerte, Vortragsabende, sowie Reviermarkierungen durch Aufkleber, Plakate und Graffiti.

Auch die NPD nutzte das Jahr 2009 um sich stärker in der lokalen Politik zu verankern. Bei den Kommunalwahlen errang sie in und um Leipzig 17 Stadt- und Gemeinderatsitze. 11 allein davon im Landkreis Leipzig. Unter anderem in Borna, Geithain und Bad Lausick. Ende November berichtete die sächsische NPD außerdem davon, dass sie 4 neue JN-Stützpunkte in Wurzen, Torgau, Oschatz und Delitzsch-Eilenburg gegründet habe. Des weiteren plant sie für den Leipziger Südraum weitere Stützpunkt zu gründen. Auch das NPD-Büro in der Leipziger Odermannstraße erhält Zuwachs. So wird demnächst auch in Geithain ein Büro bzw. ein ganzes Haus eröffnet. Neben diesen beiden Adressen gibt es noch einige andere Anlaufstellen für die Provinznazis. In Wurzen vertreibt Thomas Persdorf weiter seinen Nazimüll über den Front-Record-Versand, in Zwenkau baut NPD`ler Mario Benndorf seit Jahren an einem Treffpunkt und präsentiert regelmäßig das komplette Repertoire an Plakaten in seinen Fenstern und die ein oder andere Nazi-Wg bietet ebenfalls den Provinz-NationalistInnen einen warmen Ort zum Pläne schmieden.

Der Überfall auf die Spieler und Fans des Roten Stern Leipzig in Brandis kam zwar nicht unerwartet, überraschte aber die breite Öffentlichkeit aufgrund der Gewalttätigkeit mit der die Nazis angriffen. Doch selbst diese Gewalttätigkeit sollte nicht überraschen. Free-Fighter, Nazis und Lok-Hools bilden vor allem rund um Wurzen und Colditz organisierte Kameradschaften.

In diesem Klima ist antifaschistische Arbeit nicht nur schwer sondern auch gefährlich. Für die Betroffenen ist die Situation unerträglich, da sie eben nicht aus der relativen Anonymität der Großstadt heraus agieren können. Das macht sie schnell zu Zielscheiben für die Auslebung nazistischer Gewaltfantasien und menschenverachtende Übergriffe.

Wie real und bedrohlich die Gefahr für AntifaschistInnen in der Provinz ist, möchten wir an dieser Stelle anhand der Erlebnisse des Jahres 2009 eines Antifaschisten in Delitzsch dokumentieren.

Ende Mai diesen Jahres bewegte sich der Betroffene abends mit Freunden durch die Delitzscher Innenstadt. Aus einem Park stürmten plötzlich vermummte Nazis, vermutlich aus dem Umfeld der „Freien Kräfte Delitzsch“, und griffen die Gruppe an. Sie griffen sich drei Menschen aus der Gruppe und schlugen und traten sie zu Boden. Dabei schnappten sich etwa 10 der Angreifer den für sie bekannten Aktivisten und schlugen und traten fast ausschließlich auf seinen Kopf ein. Nur durch Glück blieben schwerere Verletzungen aus. Zeitgleich nahmen sich einige der Nazis seine Hand vor, drückten diese auf die Straße und versuchten durch gezielte Tritte die Gelenke seiner Finger zu zertrümmern. Ein Angriff der bis heute sichtbare Spuren hinterlassen hat. Zum Abschluss wurde dem Betroffenen eine ganze Dose Pfefferspray in das Gesicht gesprüht. Danach zogen sich die Angreifer unerkannt zurück. Nachdem der Vorfall zur Anzeige gebracht worden war, erhielt die Person zudem Drohmails von Delitzscher Nazis.
Als am 17.August die Nazis bundesweit zu sogenannten Hessmobs aufriefen, um ihrem Märtyrer Rudolf-Hess zu huldigen, tauchte auch Delitzsch auf der Liste der Veranstaltungsorte auf. Der Delitzscher Antifa Arthur wollte sich diese Aktion anschauen und traf mit weiteren Menschen am angekündigten Platz ein. Lediglich ein paar Einsatzwagen der Polizei standen bereit. Nach einer halben Stunde ohne Vorkommnisse zog sich die Polizei zurück. Kurz darauf sammelte sich eine größere Gruppe von Nazis, um Arthur und einige weitere Jugendliche, die noch gewartet hatten anzugreifen.

Maik Scheffler und circa 25 weiter Nazis kamen zeitgleich am angekündigten Ort an und gingen anschließend klatschend auf die vermeintlichen AntifaschistInnen zu. Da eine körperliche Auseinandersetzung seitens der GegendemonstratInnen nicht gewollt war, flüchteten sie in verschiedene Richtungen. Die Nazis verfolgten die kleine Gruppe um Arthur. Gezielt sollten sie in den Delitzscher Stadtpark getrieben werden, jedoch gelang es ihnen die Richtung zu ändern und zur Polizei-Wache zu flüchten. Dort flehten die Angegriffenen um Schutz und Zuflucht. Beides wurde den Angegriffenen nicht gewährt. Nachdem der Polizist die von zwei Seiten heran nahenden Nazis erblickte, verschloss er mit den Worten: “Na dann viel Spaß noch mit denen“ die Tür und überließ die 7-köpfige Gruppe ihrem Schicksal. Diesen blieb nichts anderes übrig, als über das Tor in den Hof der Delitzscher Wache zu klettern und sich in einem Seiten Gebäude zu verschanzen. Von dem Gebäude, der Kriminalaußenstelle, die zu dem Zeitpunkt unbesetzt war, riefen die Jugendlichen immer wieder den Notruf und die gegenüberliegende Wache an. Die Nazis, mittlerweile ebenfalls auf dem Hof der Wache eingetroffen, versuchten in das Gebäude einzudringen. Die Reaktionen auf die Notrufe waren Abwimmeln und Strafandrohung wegen Missbrauchs des Notrufes. Nach etwa 20 Minuten, die Nazis waren immer noch da, erschienen gerade einmal 5 Beamte der Polizei auf dem Hof, unter anderem auch der, der schon zu Beginn der Aktion die Hilfe verweigerte. Auch jetzt ging die Polizei nicht gegen die angreifenden Nazis vor, sondern widmete sich den AntifaschistInnen. Sie nahm die Personalien der Betroffenen auf und drohte mit einer Anzeige wegen Haus- und Landesfriedensbruch.

Gegen die Beamten wurde mittlerweile Anzeige erstattet und es läuft derzeit noch das Verfahren. Von der Anzeige gegen die Jugendlichen wurde abgesehen.

Am nächsten Tag, dem 18. August, erhielt Arthur einen Anruf von einem Herrn mittleren Alters. Der Anrufer drohte Arthur, sowie seiner Familie, unter anderem mit einem Hausbesuch. Sollte Arthur seinem antifaschistischen Treiben nicht Einhalt gebieten, könne man ihn ja zu Hause abholen und verschwinden lassen, so die Worte des Anrufers. Außerdem hatte der anonyme Anrufer Informationen über verschiedenste private Dinge Arthurs. Er informierte ihn darüber, dass er und seine Kameraden nicht nur seine Wohnanschrift kennen, auch die Anschrift seiner Freundin und seiner Arbeitsstelle war ihnen nicht unbekannt, weiter hatte er Kenntnis über allerlei Passwörter von Internetaccounts und kannte Arbeitswege und Freizeitgewohnheiten Arthurs. Da kann mensch nur staunen woher und wie Nazis ihre Informationen beziehen.

In der darauf folgenden Nacht war es dann soweit. Gegen 3Uhr klingelten zirka 8 vermummte Personen Sturm an der elterlichen Wohnung und versuchten in den Hauseingang zu gelangen. Die Familie des Betroffenen verschanzte sich in Todesangst in der Wohnung. Nachdem es den Nazis nicht gelang die Haustür ein zu treten, zogen sie unter der Parole: „Dich kriegen wir noch du Hurensohn“ ab und verklebten im Wohngebiet Nazi-Aufkleber.

Am 17.Oktober, im Anschluss an die Nazidemo in Leipzig, wurde Arthur wieder von Nazis angegriffen. Obwohl er unauffällig gekleidet war, wurde er trotzdem von Delitzscher Nazis, allen voran Marcus Pucher und Ronny Werner, im Zug nach Delitzsch entdeckt und festgesetzt. In kürzester Zeit wurden alle Nazis in dem Abteil zusammen getrommelt und Arthur fand sich allein mit frustrierten Nazis wieder. Unter den Anwesenden befanden sich auch Maik Scheffler, Andre Luther und Lars Schönrock. Zuerst sollte Arthur vermeintliche Antifas auf Handy-Fotos der Nazis identifizieren, als er dies jedoch nicht tat, wurde ihm klar gemacht, dass der Delitzscher Bahnhof das Letzte sein würde was er in seinem Leben noch sieht. In Delitzsch angekommen, zwang der Nazimob Arthur aus dem Zug und schleifte ihn zielgerichtet ins Laternenlicht. Dort, den Nationalen Sozialisten schutzlos ausgeliefert, wurde er gezwungen mit allen Nazis für Fotos zu posieren. Wie eine Jagdtrophäe wurde er von Gruppe zu Gruppe für Fotos weiter gereicht. Gruppenbilder, Porträtaufnahmen, Fotos mit Naziutensilien, alle erdenklichen Erniedrigungen musste Arthur über sich ergehen lassen. Immer wieder unterbrochen von Gewalt- und Morddrohungen. Als die Nazis ihre Fotos geschossen hatten, wurde Arthur plötzlich zu seinem Fahrrad gebracht und ihm gesagt das er jetzt ganz schnell Heim fahren solle. Froh über das vermeintliche Ende der Quälerei, wollte er auch so schnell wie möglich weg von dem Mob. Gerade als er losfahren wollte wurde er wieder vom Fahrrad gezogen, da ein Kamerad monierte, dass sein Foto unscharf sei. Sofort machten sich weitere Nazis bemerkbar, dass ihre Fotos auch nicht die gewünschte Qualität haben und so begann das Spiel von Vorn. Arthur musste noch mehr Fotos über sich ergehen lassen. Erst danach ließen sie von ihm ab und er konnte flüchten.

Auch zu diesem Vorfall wurde Anzeige erstattet.

Nur vier Tage später erschien auf der Homepage Delitzscher Nazis ein Text, in dem Arthur der Öffentlichkeit preis gegeben wurde. Es wurde die Adresse, sowie das familiäre Umfeld, veröffentlicht. Auch wird Arthurs Freundin Anna von den Nazis geoutet. Auch bei ihr wurden alle gesammelten Daten bis hin zu Arbeitsstelle und Hobbys öffentlich gemacht.

All diese Aktionen verfolgen nur ein Ziel, Anna und Arthur physisch und psychisch zu vernichten, da sie nicht in das Weltbild des Nationalen Sozialismus passen. Sie stehen der Nazihegemonie in der sächsischen Provinz im Weg und bleiben solange wie es geht standhaft.

Auch wenn wir hier die reale Geschichte einer beziehungsweise zweier Personen in Delitzsch berichten, so gibt es Menschen wie sie in vielen kleinen Städten und Gemeinden rund um Leipzig. Sie bedürfen alle unserer Solidarität. Wir dürfen die Provinz nicht länger den Nazis überlassen.

Kühe Schweine Hinterland, den Nazis die Provinz vermiesen.

Mit allen Mitteln, auf allen Wegen.

Ein Beitrag der Gruppe AuA

Anna und Arthur im Hinterland!





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